Kollektionen
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Das Schaufenster – eine Betrachtung
Das Schaufenster ist ein noch immer unterschätztes Element der Alltagsästhetik. Es erschöpft sich weder darin, eine Präsentationsebene von Waren zu sein, noch lässt es sich einfach mit dem Kriterium der Warenästhetik erfassen. Es ist vielmehr ein Ort höchster Kreativität und spiegelt im besten Fall die Besonderheiten einer Region und der dort lebenden Menschen wieder – im wahrsten Sinne des Wortes, aber dazu später mehr.
Dieses ästhetische Potenzial hat viele Facetten. Sicher: Das Schaufenster ist eine Projektion von Wünschen – auch. Das Schaufenster ist gleichermaßen eine Phantasieerfüllung oder vielmehr eine Phantasiemaschine - ein Raum für Experimente, deren Ausgang nicht klar sein muss. Anders als beim Design von Massenprodukten oder bei der Produktion von Werbeclips halten sich die Kosten in Grenzen. Weil es temporär ist, braucht man das Experiment nicht zu fürchten. Es muss seinen Aufwand nicht immer ökonomisch legitimieren, weil es keinen kostspieligen Apparat zu seiner Erstellung bedarf.
Das Schaufenster bleibt meist im Hintergrund einer Stadt. Wir betrachten es oft und beachten es dennoch kaum. Gleichzeitig ist es unbewusst sehr präsent und beeinflusst auf subtile Weise unsere ästhetische Wahrnehmung. Diese durch die Betrachtung von Schaufenstern erworbene Wahrnehmung übertragen wir auf unsere Lebenswelt und die mit ihr verbundenen Produkte. Somit spielt das Schaufenster in der individuellen Gestaltung der eigenen Lebenswelt eine zentrale Rolle.
Das Fenster im Vergleich zur Türe
Rein aus der Form heraus betrachtet ist das Schaufenster oder das Fenster als solches nichts weiter als ein Ausschnitt in einer Wand mit einer eigenen Funktion. Der Kamin zum Beispiel hat eher die Funktion etwas hinaus zu lassen. Das Fenster, wie auch die Türe, lassen sowohl hinein, wie auch hinaus, wobei dies beim Fenster Nicht-Materielles wie Lichtstrahlen, Bilder, Töne oder Luftzüge betrifft und bei der Türe vor allem Materielles wie Menschen, Möbel oder Tiere. Die Türe öffnet oder schließt den Raum, ganz oder gar nicht. Das Fenster verschließt oder öffnet diesen nur zurückhaltend. In diesem Sinne ist die Türe deutlich mehr eine Passage, die geöffnet werden muss, damit etwas passieren kann, durch das Fenster passiert jedoch auch im geschlossenen Zustand etwas – es ist auf besondere Weise durchlässig.
Wirkung von Schaufenstern
Dem Inhaber eines Schaufensters und noch mehr dem Verantwortlichen für die Dekorationen muss bewusst sein, dass ein Schaufenster bestimmte Sinne bevorzugt anspricht – allen voran den Sehsinn. Andere Sinne werden deutlich vernachlässigt. Deshalb ist es dringend erforderlich, das betrachtende Auge nicht mit Reizen zu überfluten. Denn wird das Auge überfordert, steigert sich unbewusst die Aktivität der anderen Sinne und damit wird die Ablenkung vom Schaufenster begünstigt. Plötzlich erregt ein hupendes Auto die Aufmerksamkeit, die ansonsten voll für das Fenster zur Verfügung gestanden hätte. Die Scheibe des Fensters spielt bei der Betrachtung eine zentrale Rolle. Sie öffnet die drei Ebenen, die das eigentliche Schaufenster ausmachen, und ist zugleich selbst eine dieser Ebenen. Die Auslage, das Fenster und der Betrachtungsraum kommunizieren zusammen mit dem Betrachter und interagieren mit der Umwelt, was ein entscheidender Punkt für die regionale Zuordnung und somit die Einzigartigkeit von Schaufenstern ist. Die Interaktion erfolgt also mit dem Betrachter, der als Person auch immer mit ins Bild kommt, mit anderen Fenstern, mit dem Geschehen der Stadt insgesamt. Das Schaufenster schafft Atmosphä̈ren: durch sich und über sich hinaus. Das Schaufenster hat somit immer den regionalen Bezug, auch wenn es - wie in vielen Filialsystemen üblich - fast gleichartig an mehreren Orten und Städten auftaucht.

England, London - der Verkaufsraum wird Teil des Schaufensters

Österreich, Wien - die Gebäudefassade wird in die Wahrnehmung des Schaufensters
integriert. Die beiden "Herren" betrachten das dargestellte Objekt.

England, Brighton - spannend vollflächige Dekoration mit Durchblick in den Verkaufsraum
Veränderungen
Die Zeiten haben aus dem Ladenfenster, an dem die Ware direkt verkauft werden konnte, über das Schaufenster in Form des Schaukastens, also zum Verkaufsraum hin geschlossen (was den eigentlichen Warenverkauf in eine eher private Atmosphäre transportiert hat), die heute verbreitete Form des Schaufensters geschaffen. Dieses wird in zunehmendem Maße durchlässig und nutzt den Verkaufsraum als erweiterten Betrachtungsraum.
Das geht einher mit einer Verä̈nderung in der Grundidee des Exponierens: Aus der einfachen Darlegung von Gegenständen in der Auslage wird ein Erlebnisraum; nicht lä̈nger sind es die Dinge, fü̈r die geworben wird, sondern ein Lebensgefü̈hl. Und zu diesem Lebensgefühl gehört ein deutlich fokussierter wie auch erweiterter Betrachtungsraum, der dem Betrachter klar und auf verschiedenen Ebenen signalisiert, für welche Lebenswelt das Ladenlokal eigentlich steht.
Das Problem mit dem Durchblick
Die Scheibe wird auf den ersten Blick regiert vom Ideal der Transparenz. Denn dieser erste Blick geht durch sie hindurch und fällt auf die Dinge, die sie ausstellt und abschirmt. Deswegen sind wir, seit es Scheiben gibt, im Kampf gegen ihr Erblinden. Besonders das Schaufenster will geputzt sein und gut hinterlüftet, damit kein Kondenswasser den Blick verhindert. Es soll auf eine Art beleuchtet sein, die die Dinge ins rechte Licht stellt, ohne den Produkten selbst Präsenz zu geben. Doch wenn man auch gegen das, was sie mit Beschlag belegt, die Staubpartikel und die Wasserdampfkondensate, die Oberhand behalten kann, so ist man als nächstes mit der Problematik der Spiegelung konfrontiert. Doch das ist bezogen auf die regionale Einzigartigkeit eigentlich gar nicht so schlecht. Jede Scheibe ist immer auch ein Spiegel. Was sie durchqueren soll, die Wellen des Lichts, wird zum Teil an ihr gebrochen und versperrt den Durchblick nachhaltiger als Staub und Dampf.
Nachfolgend einige Beispiele für Spiegelungen, die den regionalen Bezug in das Fenster aufnehmen:

England, Brighton

Österreich, Wien

England, Brighton
Dennoch: Solange die Exposition steht, steht sie. Sie bleibt aber nicht für sich stehen. Die meisten Schaufenster scheinen sich nur zu präsentieren; in Wahrheit aber korrespondieren sie mindestens genauso mit dem Betrachter, mit der Straße vor ihnen, mit der Stadt insgesamt; sie interagieren mit ihrer Umwelt auf verschiedenen Ebenen. Denn die Schaufensterscheibe ist an sich ein Spiegel. Sie bezieht das Bild des Passanten mit in die Auslage ein, zieht ihn mit hinein in die Installation. Das Fenster setzt ihn ins Bild. Der Betrachter ist im Bild. Das Schaufenster wird so zum Reflexionsmedium. Das ist keine Störung, das ist Teil der Sache – unvermeidlich - unentbehrlich. Hierdurch wird das Schaufenster jedoch auch ein Medium der Nacht. Bedenken Sie dies bei Ihren Dekorationen und dem entsprechenden Einsatz von Licht.






