Trau keiner Maschine, schon gar nicht der Wirtschaft

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Es gehört zu den weniger beachteten Ergebnissen der angekündigten DSL-Drosselung durch die Telekom, dass sich jetzt Bundeswirtschaftsminister Rössler Sorgen um die Netzneutralität macht. Vor ein paar Wochen war er noch der Meinung, der Markt würde das am Besten regeln. Doch jetzt ist eben ein recht mächtiger Marktteilnehmer auf den Gedanken gekommen, dass er ohne Netzneutralität mehr verdienen könnte.

Ein anderes Beispiel gab es heute in der Main Post zu lesen, wo sich Journalist Wolfgang Jung mal gefragt hat, wie viele Schlecker-Frauen inzwischen woanders in Lohn und Brot sind. Wir erinnern uns, eine Transfergesellschaft wurde damals von der bayerischen FDP verhindert. Weil man der Meinung war, im Einzelhandel sei die Nachfrage so groß, dass die Frauen nicht lange auf der Straße stehen würden. Na ja, zumindest bei uns scheint das auf die Hälfte aber nicht zuzutreffen. Volker Wedde, unterfränkischer Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern, sieht da die Schuld aber bei den Arbeitslosen, die wollten die vom Einzelhandel geforderte Flexibilität halt nicht mitmachen. Schon blöd, wenn so eine alleinerziehende Mutter nicht immer kann, wenn der Chef will und sie so gar nicht einsehen möchte, dass sie mit ihrem Gehalt doch die Kinderbetreuung zahlen könnte – um dann aufstocken zu gehen, weil das Kind ja auch was essen will.

Solche in die Hose gehenden Theorien liberaler Fantasten lassen mich immer an den Wirtschaftsprofessor Karl-Heinz Brodbeck denken, der, bevor er Ökonom wurde, Ingenieurswissenschaften studierte. Und mit dieser Vorkenntnis, kamen ihm die mathematischen Berechnungen der Ökonomen irgendwie bekannt vor. Nur dass diese mit Menschen, bzw. deren Verhalten rechneten, statt mit Maschinen. Solche Methoden taugen zur Risikoabwägung im Einzelfall, statt dessen nimmt sie Politik und Wirtschaft aber als 100%ige Möglichkeit langfristig das Verhalten einer ganzen Gesellschaft vorhersagen zu wollen. Als wäre der Mensch eine Maschine und würde nicht individuell handeln. Nicht einmal der Kommunismus wollte dem Menschen so viel Individualität absprechen, wie es der Kapitalismus offenbar tut.

Aber statt aus Schaden der Realität aber klug zu werden, werden die Rechnungen weiter durchgespielt und als Argumente verwendet. Selbst wenn die vorrechnenden Wissenschaftler nicht mal mit Excel umgehen können.

Der Zyniker in mir fragt sich ja, ob Politik und Wirtschaft dieser Fakt nicht doch bekannt ist, frei nach dem Motto, so blöd kann eigentlich keiner sein. Aber es ist für sie ja so schön praktisch, die Politiker können sagen sie tun was und wenn es schief läuft, dann war es ja irgendwie nicht ihre Schuld. Und die Manager, nicht nur die viel gescholtenen Leute ganz oben, sondern auch die vor Ort, verdienen ja ganz gut, solange das Lügengebäube nicht einstürzt.

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